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Kommunikation

Kommunikation ist so eine Sache, da könnte ich sehr viel dazu schreiben, hier einfach mal sowas wie “Grundsatzregeln” im Umgang mit mir und ein paar Punkte, in denen ich erfahrungsgemäss von der Mehrheit abweichen und die deshalb oft zu Missverständnissen führen.

  • Am liebsten Text oder 1:1 Setting real / telefon.
  • Telefonate ankündigen, am Besten mich anrufen lassen.
  • Fragen nicht als etwas anderes als eine interessierte / neugierige /  informative Frage verstehen, kein Angriff, keine Diskussion, kein in-frage-stellen, nur der Wunsch, etwas richtig (und vertieft) zu verstehen.
  • Zeit lassen, gerade in reizintensiven Situationen brauche ich manchmal etwas länger Zeit, um nachzudenken, bevor ich etwas sage.
  • Nicht in die Augen schauen müssen und mich bewegen können helfen mir beim Zuhören & Denken.
  • Mich (neugierig) darauf ansprechen, wenn etwas, das ich mache irritierend ist
  • In Gruppensettings keine Kommunikation von mir erwarten, ich melde mich, wenn ich denke, etwas beitragen zu können, ansonsten geniesse ich die Unterhaltung, bin aber meist überfordert damit, mich zu beteiligen
  • Meine Körpersprache ist oft vom gewohnten abweichend, z.B. verschränkte Arme sind nicht abweisend, sondern helfen mir, mich zu spüren (oder mir ist kalt).
  • Ich brauche viel persönlichen Raum um mich, 1-1.5m Abstand empfinde ich als angenehm und angemessen.
  • Körperkontakt (insbesondere Hautkontakt) empfinde ich meistens als unangenehm, deshalb bitte kein Händeschütteln oder Umarmen (ausser ich biete es an).
  • Ich ignoriere niemanden absichtlich, wenn ich nicht auf dich reagiere, bin ich entweder mit anderem (gedanklich) beschäftigt, reizüberflutet oder überfordert. Versuch es einfach später nochmals.

Treffen

Treffen mit Menschen sind für mich immer anstrengend. Es gibt aber einige Dinge, die mir sehr helfen, mich auf ein Treffen vorzubereiten und einzulassen. Dies führt auch dazu, dass ich mich dann am Treffen besser auf die Menschen fokussieren kann und weniger mit den äusseren Gegebenheiten beschäftigt bin. 

  • Immer lieber draussen als drinnen
  • Treffen möglichst frühzeitig abmachen (sofern Energiemanagement voraussehbar)
  • Anfang und Ende definieren (kann auch variabel definiert sein)
  • Ankunftszeit (bei Treffen bei mir) möglichst früh mitteilen
  • Abfahrtszeit (bei Treffen bei mir) möglichst früh mitteilen
  • Plan kommunizieren
  • Über Eckpunkte, Möglichkeiten und Variablen informieren, wenn kein Plan existiert
  • Was macht man während des Treffens?
  • Wo ist man?
  • Wie kommt man dahin und wieder weg?
  • Wer ist noch dort?
  • Was ist die passende Kleidung?
  • Planänderungen kommunizieren (auch kleine und potentielle)

Stimming

Stimming, also selbstregulierendes Verhalten, ist etwas, das ich lange Zeit meines Lebens unterdrückt habe, um nicht aufzufallen. Inzwischen weiss ich es sehr zu schätzen, einerseits weil es mir eben sehr dabei hilft, mich zu regulieren, andererseits auch, weil ich (und andere) daran, wie ich stimme, ziemlich gut ablesen kann, wie mein Stresslevel gerade ist. Hierbei dünkt es mich wichtig zu erwähnen, dass ich oft dieselben Stimms für positiv und negativ wahrgenommene Situationen brauche. Eine Überreizung ist immer anstrengend und verlangt nach Regeneration, aber ich nehme sie nicht immer negativ wahr. Z.B. Wenn ich an eine BDSM-Party gehe, ist die Überreizung vorprogrammiert, aber wenn ich die Party geniesse, empfinde ich es als positiv und es gibt mir auch sehr viel. Und auch noch wichtig, manchmal benutze ich meine Lieblingsmenschen -beziehungsweise deren Haare- um zu stimmen, dies ist dann als Liebesbeweis zu verstehen…

  • Haare kämmen = beruhigend, hilft beim runterkommen
  • Körper reiben = Regulation von Reizen im Moment, hilft beim Denken
  • Wippen = Regulation von Reizen / Emotionen im Moment / nachträglich, hilft gegen Lärm im Kopf
  • Summen = Regulation von Überreizung im Moment / nachträglich, hilft gegen Lärm im Kopf
  • Hände flattern = Aufgeregt / Überfordert 
  • Stämpfeln = Überfordert durch Reize / Emotionen
  • Lippen zupfen = Situation eher unangenehm / überfordernd
  • Rumlaufen = genervt / gereizt / rastlos, hilft beim Denken
  • Nuggi = völlige Überreizung, nicht mehr reden (Alternative: Nagel knabbern)

Planungsregeln

Eines der grössten Themen, die mich in den letzten Jahren begleitet haben, war mein Zeit- und Energiemanagement. Wobei es eigentlich nur ein Energiemanagement ist. Wenn ich Sachen plane, stelle ich mir nicht die Frage, ob ich Zeit dafür habe, sondern, ob ich die Energie dafür habe und wie viel Regenerationszeit mit etwas verbunden ist. Ich habe quasi eine Kostenanalyse durchgeführt und diese danach in anwendbare Regeln übertragen. Diese Regeln helfen mir sehr in der Planung, schränken mich aber natürlich auch ein. Ich muss auf viele Dinge, die ich gern machen würde, verzichten, weil die Kosten dafür einfach zu gross sind. Klare Richtlinien in der Planung helfen mir sehr dabei, mich nicht zu überlasten. Diese Regeln sind aktuell das absolute Maximum und immer, wenn ich mich nicht daran halte (weil noch ein zusätzlicher Termin reinkommt oder ich irgendetwas unbedingt machen will), bereue ich das im Nachhinein.

Damit ihr euch ein besseres Bild machen könnt hier meine Planungsregeln:

  • mindestens 4 Nächte pro Woche allein schlafen
  • maximal 1 Sozialevent pro Tag / 2 pro Woche
  • maximal 1 Termin pro Tag / 2 pro Woche
  • gesamt maximal 3-4 Sozialevents und Termine pro Woche
  • maximal 2 Termine / Sozialevents nacheinander ohne leeren Pausentag
  • maximal 1,5 grosse Sozialevents pro Monat (besser 1)
  • um grosse Sozialevents je 2 leere Tage vorher und nachher
  • mindestens 1 leeres Wochenende pro Monat
  • bei Ferien je 3-5 leere Tage vorher und nachher

Sozialevent = Treffen mit 1-3 Menschen in ruhigem Rahmen
Termin = Arzt, Therapie oder Behörden
Grosser Sozialevent = Treffen mit mehr als 3 Menschen (oder unter vielen Menschen sein, z.B. Party, Jam, Stammtisch, Marktbesuch)
leer = wirklich gar nichts geplant, mein Haus nicht verlassen müssen

Wem jetzt auffällt, dass hier noch gar keine Arbeit berücksichtigt ist, hat damit vollkommen recht. Dies kommt daher, dass ich seit Juni mit autistischem Burnout krankgeschrieben bin und die Regeln meine aktuelle Lebensrealität widerspiegeln. Sobald ich wieder beginne zu arbeiten, werden da noch mehr Regeln dazukommen, die das auch berücksichtigen.

Eine Bedienungsanleitung

Es ist nun schon ein Jahr her, seit ich meine Autismus Diagnose habe, in dieser Zeit ist viel passiert und vor allem habe ich viel über mich selbst gelernt. Vieles, was ich früher nicht verstanden habe, verstehe ich jetzt. In diesem Prozess ist auch eine Bedienungsanleitung für mich entstanden. Teile davon sind wirklich nur für mich wichtig, andere auch für Menschen, welche mit mir zu tun haben. Teile dieser Bedienungsanleitung möchte ich gerne mit euch teilen. Einerseits weil mir hier Menschen folgen, die ich sporadisch treffe, aber doch nicht so gut kenne, dass es angebracht wäre, ihnen die Anleitung direkt zu schicken, andererseits auch einfach um meine Realität und Funktionsweise aufzuzeigen und damit vielleicht etwas mehr Verständnis zu schaffen.

Wrong Planet Syndrom

Ich fühle das Wort so sehr… Es beschreibt das Gefühl, nicht dazuzugehören, anders zu sein, anders zu funktionieren, von einem anderen Planeten zu kommen. 

Dieses Gefühl begleitet mich schon mein ganzes Leben. Als Kind hatte ich das Gefühl, adoptiert zu sein, auch wenn ich wusste, dass ich es nicht bin. Ich war in der Pfadi und habe ministriert, bei beidem war ich aber immer mehr am Rand, ich fühlte mich nie wirklich Teil der Gruppe. Nachdem ich mit 16 ins Heim kam, war ich sowieso aus der Gesellschaft “ausgeschlossen”. 

Auch später in der Lehre und bei der Arbeit kam ich zwar immer gut mit allen aus, habe aber auch nie wirklich dazugehört. 

Inzwischen habe ich mir ein Netz aus Menschen geschaffen, bei denen ich mich zugehörig fühle, bei denen ich mich richtig fühle. Aber auf der Welt, in der Gesellschaft, da fühle ich mich nicht zugehörig. Mit der Diagnose kam dann die Bestätigung, dass ich eben wirklich etwas anders bin als die Mehrheit, und das ist unglaublich erleichternd. Und ja, ein Grossteil der Menschen, mit denen ich mich umgebe, ist auch neurodivergent.

Textflut

Immer wieder, wenn ich intensive Dinge mit Menschen erlebt habe, überfällt mich im Verarbeitungsprozess der Wunsch, meine Gedanken und Gefühle schriftlich festzuhalten und mit den betreffenden Menschen zu teilen. Dabei ist es völlig irrelevant, ob es um ein wunderbares, intensives Spiel oder um eine Unstimmigkeit geht. Ich habe dann ein starkes Bedürfnis, sicherzustellen, dass der betreffende Mensch weiss und versteht, wie es mir in dem Moment gegangen ist oder im Nachhinein geht. Dann entstehen Textfluten. Dies sind meist emotionale Fliesstexte, die ich unkorrigiert abschicke und von denen mir gesagt wurde, dass sie für einige Menschen überfordernd sein können. Es ist eine Art Oversharing, die ich keinesfalls unterdrücken will. Für mich ist es in engen Beziehungen essentiell, dass ich weiss, dass solche Textfluten willkommen sind. 

Oft brauche ich etwas länger, um Dinge zu verarbeiten und für mich greifbar zu machen. Zudem ist schriftliche Kommunikation für mich oft einfacher als verbale. Bei allen engen Beziehungen, die ich geführt habe, stand am Anfang ein intensiver, schriftlicher Austausch, der mir gezeigt hat, dass diese Art der Kommunikation funktioniert. Wenn dies nicht gegeben ist, fehlt mir ein wichtiges Werkzeug, um mich meinem Gegenüber verständlich zu machen.

Deep Talk

Tiefe Gespräche. Hier bin ich voll dabei. Vorausgesetzt, mein Gegenüber oder das Thema interessieren mich. Mit dieser Art Gespräche baue ich Verbindung auf, hier fühle ich mich zuhause. Wenn mir jemand erzählt, was ihn gerade stark beschäftigt, was ihn begeistert. Das empfinde ich als authentisch, da lasse ich mich mitreissen, werde lebendig und fokussiert. Da stelle ich gern viele Fragen, um sicher zu sein, dass ich alles richtig verstanden habe und breche in Redeflüsse aus, um mich verständlich zu machen. 

Hier passiert es mir zwar immer mal wieder, dass mein Ton nicht mit meiner Intention zusammenpasst, aber inzwischen merke ich das meistens und kann es dann kommunizieren, um Missverständnissen vorzubeugen. Manchmal verliere ich auch mitten im Satz den Faden oder nehme 100 Abschweifungen und vergesse, wo ich angefangen habe. Und ich neige dazu, Menschen zu unterbrechen, um ein Detail zu klären, weil ich es sonst wieder vergesse und glaube, dass es wichtig ist. Solche Gespräche geben mir Energie, statt mir welche zu nehmen, ich liebe sie.

Small Talk

Small Talk, oder, der Vollständigkeit halber, kleine Gespräche, mag ich gar nicht. Ich bin mir bewusst, dass diese Art der Kommunikation vor allem bei neurotypischen Menschen dazu beiträgt, ein Gefühl der Verbundenheit herzustellen und das Gegenüber einzuschätzen. Bei mir bewirkt er aber genau das Gegenteil, ich fühle mich davon massiv überfordert, weil ich nie genau weiss, wie viel ich jetzt preisgeben kann, ohne mein Gegenüber zu überrumpeln. Weil ich immer unsicher bin, ob dieses “wie geht es dir?” von richtigem Interesse an mir zeugt oder einfach ein leichter Gesprächseinstieg ist. Ich weiss nicht, welche Fragen ich dabei stellen darf, ohne jemandem zu Nahe zu treten. Ich habe gelernt, mich halbwegs in Small Talk zurecht zu finden, meist läuft es aber darauf hinaus, dass nach ein paar nichtssagenden Sätzen ein peinliches Schweigen entsteht und ich nur noch flüchten will. Ich empfinde Small Talk als extrem anstrengend und versuche ihm, so gut es geht, aus dem Weg zu gehen.

Spezialinteressen

Dies beschreibt ein intensives Interesse, dem mit sehr viel Leidenschaft nachgegangen wird. Das Vorhandensein von Spezialinteressen ist eines der Diagnosekriterien sowie ein gut bekanntes Phänomen des Autismus. Das Bild, welches in der Gesellschaft von Spezialinteressen herrscht, ist allerdings etwas verzerrt, oft wird es auf Zahlen, das Auswendiglernen von Bahnhaltestellen oder Briefmarkensammeln beschränkt. Dabei kann alles ein Spezialinteresse sein. Die Vorstellung, dass Autisten oft eine Inselbegabung haben, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit diesen Spezialinteressen. Wenn sich jemand leidenschaftlich einen grossen Teil seiner wachen Zeit mit einem Thema beschäftigt, ist es nur logisch, dass er in diesem Gebiet mehr Wissen ansammelt als jemand, der sich “nur” beruflich oder als Hobby damit auseinandersetzt. 

Spezialinteressen sind oft Dinge, mit denen sich Autisten stark identifizieren und über die sie auch gern reden. Dies kann sich dann in einem Redefluss äussern, der sich fast nicht mehr stoppen lässt.
Früher war ich immer etwas überfordert, wenn ich nach meinen Hobbys gefragt wurde, weil ich das Gefühl hatte, zu wenige davon zu haben. Nun, ich habe wenige, diese verfolge ich aber sehr intensiv.

Nähen ist für mich seit langer Zeit ein Spezialinteresse. Während der Lehre und auch später habe ich fast täglich nach der Arbeit noch für mich selbst genäht. 
Auch (selbst)Reflexion und Kommunikation gehören für mich in diesen Bereich, die unterschiedlichen Arten, wie man kommunizieren kann, haben mich schon immer fasziniert. In diesen Bereich gehört auch mein gesteigertes Interesse an Sexualität, das sich schon in der Primarschule zeigte, sowie, seit ich den Begriff mit 25 Jahren kennengelernt habe, an BDSM. Dies nicht nur im Privaten, sondern auch als langjähriges Vorstandsmitglied in der IG-BDSM. Die unterschiedlichen Arten, wie man Beziehungen leben kann, finde ich auch sehr interessant. Ganz grundsätzlich, wie man verschiedene Bedürfnisse durch Kommunikation miteinander in Einklang bringen kann. 

Spezialinteressen sind immer auch mit einer Hyperfixierung verbunden und haben eine grosse Chance, einen Hyperfokus auszulösen.